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Topic: Trans und Demenz bei Eltern (Read 2688 times) previous topic - next topic

Trans und Demenz bei Eltern

Hallo,

Ich weiß nicht, ob meine Frage Aussicht auf Erfolg hat, aber vielleicht hat ja die eine oder andere mit einer ähnlichen Situation schon Erfahrungen gesammelt.
Ich bin seit einigen Monaten in der Transition, lebe und arbeite als Frau und bin überall geoutet.  Meine Schwester weiß schon länger Bescheid, da habe ich volle Akzeptanz. Im April bin ich zu meinen Eltern gefahren, die 500 km entfernt wohnen und habe "es" meinem Vater erklärt (natürlich noch in männlichem Outfit), der damit, na sagen wir einigermaßen gut mit klar kommt.
Nun habe ich auch noch eine Mutter, die mit meinem Vater zusammen lebt, die aber schwere Demenz hat. Sie kann kaum reden, ihre Anworten (ja/nein) sind eher zufällig, man kann nicht feststellen, was sie überhaupt noch mitbekommt, "lichte Momente" hat sie eigentlich nicht. Sie weiß nichts davon, das es den Sohn nicht mehr gibt, dafür aber eine weitere Tochter, ich glaube nicht, dass sie es begreifen würde, wenn man es ihr erklärt.
Nun will ich Weihnachten zu meinen Eltern fahren, und frage mich, wie ich dann mit meiner Mutter umgehen soll, worauf muss ich mich einstellen? Können wir etwas im Vorfeld tun, damit sie nicht überfordert ist? Ob sie mich im April erkannt hat, weiß ich nicht, ich schätze ja, aber sicher bin ich nicht. Vielleicht ist dieses "Erkennen" ja auch die völlig falsche Frage, und es geht nur um die Wahrnehmung, wenn ich sie in den Arm nehme und mir ihr rede?
Wäre schön, wenn jemand da Erfahrungen weitergeben könnte.

Liebe Grüße,
Nina

Re: Trans und Demenz bei Eltern

Reply #1
Hallo Nina,

erst mal in gewissem Sinne Beileid für den Zustand deiner Mutter und die Situation deines Vaters!

Quote
Nun will ich Weihnachten zu meinen Eltern fahren, und frage mich, wie ich dann mit meiner Mutter umgehen soll, worauf muss ich mich einstellen? Können wir etwas im Vorfeld tun, damit sie nicht überfordert ist?


Vorweg: Ich bin glücklicherweise bislang nicht in der gleichen Situation, daher kann ich nur vielleicht ein wenig mitdenken.

Fragt sich, was deine Mutter von dir als Gegenüber noch mitbekommt? Reagiert sie überhaupt auf Äußerlichkeiten, oder vielleicht mehr auf dich als Person? Ich sehe da gewisse Parallelen zu kleinen Kindern, die auch bei verändertem Äußeren wohl eher die Person/Persönlichkeit wahrnehmen und wiedererkennen. Der Rest könnte unterbewusst auch von deiner Mutter als "Mode" wahrgenommen werden. Ich denke nicht, dass sie das Phänomen Transidentität noch begreifen kann. Da ist es vielleicht besser, das von ihr erst gar nicht zu erwarten und dein verändertes Auftreten entsprechend als Mode oder Ähnliches abzudrehen.

Was in dieser Hinsicht vielleicht helfen könnte: Sprich mit der gleichen Stimme zu ihr, mit der du auch als Mann gesprochen hast. Denn Stimme ist schon ein sehr persönliches Merkmal, das (im Sinne der Vertrautheit) wahrscheinlich noch bis zu ihr durchdringt.

Kennt sie deinen männlichen Namen noch? Falls ja, würde ich es im direkten Kontakt vielleicht eher beim alten Namen belassen. Das ist zwar für dich ein wenig doof, aber für deine Mutter in den wenigen Stunden, in denen du mit ihr zusammen sein wirst, wahrscheinlich eine gute Hilfe. In der Weihnachts-Familienzeit wird das eh nicht zu irgendwelchen peinlichen Outings führen, also wird dieser Liebesdienst an deiner Mutter dich nicht sonderlich viel "kosten".

Toi, toi, toi!

Petra

Re: Trans und Demenz bei Eltern

Reply #2


Was in dieser Hinsicht vielleicht helfen könnte: Sprich mit der gleichen Stimme zu ihr, mit der du auch als Mann gesprochen hast. Denn Stimme ist schon ein sehr persönliches Merkmal, das (im Sinne der Vertrautheit) wahrscheinlich noch bis zu ihr durchdringt.

Kennt sie deinen männlichen Namen noch? Falls ja, würde ich es im direkten Kontakt vielleicht eher beim alten Namen belassen. Das ist zwar für dich ein wenig doof, aber für deine Mutter in den wenigen Stunden, in denen du mit ihr zusammen sein wirst, wahrscheinlich eine gute Hilfe. In der Weihnachts-Familienzeit wird das eh nicht zu irgendwelchen peinlichen Outings führen, also wird dieser Liebesdienst an deiner Mutter dich nicht sonderlich viel "kosten".


Erst mal Danke, dass Du versuchst, Dich in die Situation hineinzudenken.

Ja, so in etwa waren auch meine Gedankengänge, dass sie die Verwandlung vielleicht gar nicht so wahrnimmt, aber spürt, wer ich bin. Und ich kann natürlich mein alte Stimme benutzen, wenn ich mit ihr rede. Wenn ich heute mit ihr telefoniere (ca. 1 Minute, danach wird sie unruhig), nenne ich noch meinen alten Namen, und zwar nur bei ihr. Wenn die anderen mich dann Nina nennen, wird sie das ziemlich sicher gar nicht mitbekommen.

LG, Nina

Re: Trans und Demenz bei Eltern

Reply #3
Ich frage mich dann auch, wie es wäre, wenn sie sich gar nicht direkt an dich erinnern würde. So was kommt ja tatsächlich vor. Würde sie einfach die Nina akzeptieren weil sie ihr sympathisch und doch irgendwie bekannt vorkommt? Manchmal sind demente Menschen sehr liebevoll Menschen gegenüber an die, die sich mal bewusst erinnrert haben. Ich hatte selber eine ganz liebe Großmutter, die mich immer für meinen älteren Bruder hielt. Ich glaube nicht, dass sie es jemals richtig auf dem Zettel hatte, dass es mich gab.
Vielleicht akzeptiert deine Mutter auch einfach deine Veränderung ohne sie ganz zu begreifen.

Re: Trans und Demenz bei Eltern

Reply #4
Hallo Nina,

Linas Interpretation, die genau so gut zutreffen kann, aufgreifend würde ich sagen: Schau, dass du mit viel Fingerspitzengefühl an die Life-Unterhaltungen rangehst und dann auch von einem Moment auf den anderen bereit sein solltest, dein Interaktionsschema in die eine oder andere Richtung zu ändern, auch wenn es *dir*, etwa bei Anwesenheit anderer Personen, Kummer bereiten mag. Betrachte es, wenn es dann so kommt, als eine Art letzte Ehrerbietung ihr gegenüber, auch wenn sie es wohl nicht mehr zu würdigen weiß. Ich denke, dass andere Anwesende dies aber sehr wohl zu interpretieren wissen und dass Nina darunter nicht leiden wird.

Wir können - oder besser: - du kannst nicht vorausahnen, wie deine Mutter auf *dich* reagiert, wie auch immer du dich ihr gegenüber darstellst, und ihre Reaktion auf irgendeine Wesensäußerung von deiner Seite muss auch nichts Schlüssiges oder Logisches sein. Ich glaube, vor allen der letzte Punkt ist für dein Verhalten ihr gegenüber nicht unwichtig: Ein "Wenn sie auf diesen meinen Eigendarstellungsaspekt so reagiert, dann müsste sie ja ..." ist bei der Krankheit wohl fehl am Platze.

Ich wünsche euch möglichst harmonische Stunden miteinander!

Lieben Gruß,

Petra

Re: Trans und Demenz bei Eltern

Reply #5
Nachdem UnterfertigtElle mit Dementen regelmäßig umgeht, lautet das Rezept, wie zumeist: Es kommt darauf an...

Bei "schwerer Demenz" (ohne weitere Kenntnis der Umstände) ist jeder weitere Rat ein Gruß aus dem Ungefähren. Der Schilderung nach sind "Erklärungen" vollumfänglich entbehrlich; je nach Umständen ist "Umgang" mit auch nur irgend einem Begreifen im Ansatz keinerlei Überlegung wert.

Verbringe Zeit mit der dementen Mutter und erfahre, worauf sie reagiert. Dein Einzelschicksal bleibt für sie ohne Bedeutung. Vielleicht aber mag sie mit Dir ihre (für sie bedeutungslose) "Zeit" verbringen. Mehr ist nicht und wird noch weniger...

M:E.